Herkunft

Ursprünglich stammt das Instrument aus dem im Norden von Australien liegenden Arnhem Land. Seit den 1950ern wurde es im Rest Australiens bekannt und in Europa seit den 1960ern gezeigt (siehe dazu Wikipedia: D*v*d Bl*n*s*). Die Olympischen Spiele 2000 in Sydney brachten die Instrumente schließlich in die Wahrnehmung der Öffentlichkeit und in die sich dann anschließende Massenproduktion. Hier verliert sich die Qualität sowohl im Klang als auch bei der Bemalung. Heute stammen viele Instrumente aus Indonesien. Sie werden entweder aus dort geernteten Hölzern gefertigt, oder es werden australische Eukalyptusstämme exportiert, bemalt und dann reimportiert. Zu den „echten“ Didgeridoos kannst du bei Instrumentkategorien etwas nachlesen.

Alter des Didgeridoos

Das Didgeridoo wird oft und gerne als das älteste oder mindestens als eines der ältesten Blasinstrument der Menschheit bezeichnet. Eine Übertreibung oder gar Mythos? Gut möglich, denn Archäologen schätzen anhand von Felsmalereien der Aborigines das Alter des Didgeridoo auf lediglich 2500 bis 3500 Jahre (vgl. Wikipedia). Das ist die Zeit um 1000 vor Christus – die Pyramiden von Gizeh entstanden etwa von 2620 bis 2500 v. Chr., waren zu diesem Zeitpunkt also schon gut 1500 Jahre alt, und die alten Ägypter hatten fantastische Blasinstrumente, wie zum Beispiel das Arghul.

In den Erzählungen der Clans geht das Didgeridoo auf die „Traumzeit“ zurück. Wenn man jedoch nicht richtig verstanden hat, was die Bedeutung dessen ist, was westliche Anthropologen seinerzeit mit dem Begriff „Traumzeit“ übersetzten, und man dies schlicht auf eine mit einem Zeitbegriff konnotierte Schöpfungsmythologie reduziert, dann ist das vielleicht der Grund dafür, warum das Alter des Didgeridoos gerne mit 20.000, 40.000 oder sogar 100.000 Jahren beziffert wird (oder es dient dem Spieler als Angeberei). Bei dieser Annahme ist zudem zu bedenken, dass Homo Sapiens Australien vor ungefähr 45.000 Jahren überhaupt erst besiedelte und die Aborigines nachweislich Nachfahren dieser Menschengruppe sind [Eske Willerslev, Morten Rasmussen et al.: Science. 20. September 2011]. Auch Eukalyptusbäume tauchten in Australien erst mit dem Erscheinen der Sapiens auf. Ob diese Gruppe also bereits ein Blasinstrument „im Gepäck“ hatte, oder ob es noch viele Jahrtausende brauchte, bis Termiten in Eukalyptuswäldern Stämme aushöhlten, ist nicht feststellbar. Und um nicht zu spekulieren, bleibe ich daher lieber bei den archäologisch gesicherten Fakten zu den Felsmalereien.

Das nachweislich älteste Blasinstrument der Welt, eine Flöte, hat tatsächlich ein Alter von 40.000 Jahren und wurde auf der Schwäbischen Alb gefunden. Es darf also zwingend bezweifelt werden, dass das Didgeridoo das älteste Blasinstrument ist. Und ehrlich gesagt: Sein Alter trägt für mich nicht dazu bei, die Klänge des Instruments zu mögen.

Über den Namen

Es gibt sehr viele verschiedene Namen für das Instrument je Clan und Sprachraum. Die für uns bekanntesten Namen aus Arnhem Land sind Yidaki und Mago. Yidaki ist der Yolngu-Name für das Didgeridoo; Mandapul ist seit 2011 der offizielle Yolngu-Name für Yidaki – siehe dazu einen Eintrag in der englisch-sprachigen Wikipedia. Mit diesen Namen verbinden wir sowohl Bauweisen als auch Spieltechniken.

Für den Namen „Didgeridoo“ gibt es verschiedene Begründungen (siehe dazu auch Wikipedia: Didgeridoo):

Umgekehrt ist es aber ebenfalls denkbar: Es lässt sich fast jede Silbenfolge auf dem Didgeridoo nachahmen. Daher fällt es nicht schwer, ein „typisches“ Klangbild, das sich wie „Didgeridoo“ anhört, zu erzeugen. Was also war zuerst: Henne oder Ei?

Der Name stamme aus dem Irischen: dúdaire dúth (gesprochen dudscherreh duh, übersetzt: Horn der Eingeborenen) – klingt sehr plausibel.

Der Name sei von der häufig zu hören gewesenden Klangsilbenfolge „Di-de-ri-du“ abgeleitet.

Traditionelle Instrumente

Traditionelle Didgeridoo (siehe auch Kategorien) werden von Aborigines aus hohlen Stämmen verschiedener Eukalyptus-Arten gebaut. Die Stämme werden von Termiten ausgehöhlt, wobei der Fraßgang den individuellen Klang des Didgeridoos maßgeblich mitbestimmt. Das richtige Stück im australischen Busch zu finden und daraus ein wirklich gutes Didgeridoo zu machen, ist eine traditionelle Handwerkskunst, und das nötige Wissen wird innerhalb der Clan-Familien weitergegeben.

Bei Instrumenten aus Bambus ist eine hohe Klangqualität meist nur bei wirklich alten Instrumenten gegeben. Es gibt auch Didgeridoos aus Jack Fruit, die günstig zubekommen sind und daher auch nur begrenzt schön klingen. Ebenso gerne wird Teak-Holz verwendet, das dann aber häufig aus indonesischer Herkunft stammt und auch nicht an die echten Eukas herankommt. In Europa werden auch andere Holzarten verwendet, dann auch in der sog. Sandwich-Technik bearbeitet. PVC-Rohre, Metallrohre, Fiberglas, Glasfaser oder auch Papier-Leim-Mischungen sind ebenfalls anzutreffen.

Über Yidaki und Mago

Als Yidaki werden Didgeridoos bezeichnet, die aus dem Nordosten von Arnhem Land kommen. Mago hingegen werden die aus dem Südwesten von Arnhem Land stammenden Didgeridoos genannt.

Über Arnhem Land sind verschiedene Spielweisen des Didgeridoo verteilt. Im Osten spielt man Bunggul, eine rhythmisch eher komplexe Sache, aber recht weich in der Intonation. Im Westen und Süden ist es Gunborrk, mit deutlich härterem Zungenschlag eher ruppig oder „dreckig“ gespielt. Im Westen mischt sich dann noch der Wangga-Stil mit ein, den man eher als weich und sanft empfindet und der den erdigen Klang „schön“ klingen lassen will (siehe dazu auch Stile auf Manikay.com).

Es lassen sich auch bauliche Unterscheidungen treffen, um die Eigenheiten der jeweils bevorzugten Spielweisen idealer herausstellen zu können:

Das Mago ist dagegen eher kürzer gebaut, deutlich dünnwandiger als das Yidaki, im Allgemeinen aus geradlinig gewachsenem Holz, also zylindrisch, und ebenfalls sehr reich an Obertönen, die aber deutlich „erdiger“ klingen. Huptöne sind schon eine Herausforderung auf dem Mago.

Das Yidaki ist relativ dickwandig, im Halsbereich eher engröhrig bzw. sich im Klangtrichter weitend, hat also eine konische Form. Es ist reichhaltig mit Obertönen ausgestattet. Huptöne lassen sich ganz gut und oft in 2 oder sogar 3 Tonlagen erzeugen.

Kategorien

Es finden sich verschiedene Arten von Didgeridoos, gleichsam Kategorien zugeordnet, die mit der Herkunft und Fertigung des Didgeridoos zu tun haben (siehe dazu über die Authentizität von Didgeridoos):

  • Authentic Traditional Aboriginal Didgeridoo. Das Instrument wird von sog. Hütern oder Verwahrern (Custodians) hergestellt. Das sind Aborigines, die dazu befähigt wurden, die passenden endemischen Stämme auszusuchen, zu ernten, daraus Didgeridoos zu bauen und sie zu bemalen (siehe zum Beispiel MT-Yidaki).
  • Aboriginal Didgeridoo. Auch diese stammen aus australischem Holz und werden von Aborigines geerntet, gebaut und bemalt, wobei diese jedoch keine Hüter oder Verwahrer sind (non-Custodian).
  • Aboriginal Art Didgeridoo. Diese Instrumente werden von nicht-indigenen Herstellern aus endemischem Eucalyptus gebaut und von Aborigines bemalt.
  • Australian Didgeridoo. Hier kommt nur noch die klanglich und baulich eher minderwertige Herstellung des Instruments aus australischem Holz (meist Eucalyptus) zum Tragen. Wer sie wo geschlagen, gebaut und wie bemalt hat, spielt keine Rolle. Oftmals werden Hölzer in Australien in Masse geschlagen und nach Indonesien zum Bemalen gebracht, dann wieder reimportiert und in Massen auf den Markt geworfen, wo sie Touristen begeistern sollen. Finger weg!
  • Didgeridoo. Ab hier ein Sammelbegriff für den ganzen Rest hohler Rohre aus Holz und anderen, beliebigen Materialien. Dennoch können diese Sticks von enormer klanglicher Qualität und auch künstlerisch anspruchsvoll gestaltet sein (siehe zum Beispiel Karssen Didgeridoos oder Zalem Signature Didgeridoos).

Bemalung

Die Kunst der indigenen Bevölkerung Australiens findet ihre Übertragung auch auf Didgeridoos. Sie ist regional sehr verschieden. Zwei Regionen lassen sich besonders gut gegeneinander abgrenzen: die der Yolŋu in Arnhem Land und die der Spinifex in der Great Victoria Desert in Westaustralien.

Die Bemalung der Yolŋu wird traditionell mit Naturfarben aus Ton, Lehm, Kalk und Kohle in den entsprechenden „Erdfarben“ gestaltet und mit Pinseln aus Grashalmen oder feinen Haarpinseln aufgetragen. Insbesondere zwei Maltechniken treten hier auf:

  1. X-ray, bei der Tiere oder Menschen im Umriss gezeigt und ihre Innereien oder Knochen anatomisch angenähert wie im Röntgenbild aufgemalt werden (siehe dazu zum Beispiel Aboriginal-Art.de).
  2. rarrk im westlichen Arnhem Land bzw. marvat im östlichen Arnhem Land, die mit der sog. Cross Hatching-Technik Strichzeichnungen zum Gegenstand hat (siehe dazu zum Beispiel Kateowengallery.com). Ihr Ursprung liegt im Clan-Design. Diese Technik wird auch heute noch in Zeremonien zur Körperbemalung genutzt. Eine ergänzende oder umgebende Bildgestaltung nimmt Motive des Clan-Designs auf, etwa Clan-typische Streifenmuster, oder zeigt abstrakte Natursituationen wie Buschgras oder Nahrungsquellen. Die Strichzeichnungen der Yolngu grenzen sich stilistisch auch davon ab.

Die Spinifex (siehe bzgl. ihrer Kunst auch Japingka) nutzen seit Anfang der 1970er Jahre eine Technik, die von Geoffrey Bardon in Papunya eingeführt wurde (siehe dazu Wikipedia: Geoffrey Bardon und vor allem das Honigtopfameisen-Wandgemälde): Das sog. Dot-Painting (siehe dazu CreativeSpirits.info).

Hierbei wird Acrylfarbe genutzt. Das Farbspektrum ist dabei breiter als das traditionelle, die Farben wirken logischerweise glänzender und frischer. Vielleicht aus diesen Gründen ist diese Technik insbesondere bei der Bemalung von Didgeridoos beliebt, die aus Indonesien importiert werden und die mit dem eigentlichen Dot-Painting nur noch das Verwenden von Farbpunkten gemeinsam haben. Häufig kommen dabei Maschinen zum Einsatz, die zuvor auf Folien aufgebrachte Bildnisse auf das Holz übertragen.

Das ursprüngliche Dot-Painting ist seither auch in anderen Gegenden Australiens anzutreffen, etwa in der Utopia-Community nördlich von Alice Springs, wobei sich die Malstile auch wieder von der Spinifex-Variante unterscheiden. Die unten zu sehenden Didgeridoos stammen aus der Alice Springs-Gegend, das blau bemalte ist definitiv ein Didgeridoo aus der Gemeinde Utopia; beide wurden zwischen 2001 und 2005 gebaut.

Verwendung in Zeremonien

Das Digeridoo dient den Aborigines als kulturelles, rituelles und spirituelles Instrument zur Begleitung von Tänzen und Zeremonien, zur Darstellung von erlebten Ereignissen, etwa einer Jagd oder dem beobachteten Verhalten von Tieren, und zum Erzählen von Geschichten und Liedern der Traumzeit. Diese Lieder werden als rhythmische Muster stets gleich und mit wenig bis kaum Variantionen oder Improvisationen wiedergegeben, egal wer das Instrument spielt. Hier geht es also nicht um den Spieler selbst, sondern um den Inhalt des Gespielten: Je mehr das Spiel zeremoniellen Zwecken dient, desto strenger sind die „Spielregeln“.

Für einen ersten Einblick in die Kultur der Aborigines empfehle ich http://www.aboriginalculture.com.au.

Klangphysik

Klangphysikalisch handelt es sich bei einem Didgeridoo um ein Lippenton-Aerophon mit Unterbrechungstechnik, siehe Wikipedia: Aerophon.

Es wird als eines der komplexesten Blasinstrument genannt, was die Entstehung des gehörten Klangbilds betrifft. Der jedem Didgeridoo eigene und typische Klang entsteht nämlich durch den spezifischen Fraßgang der Termiten. Und dieser bei jedem ausgefressenen Instrument natürlich anders.

Genauer betrachtet, ist für das Klangbild folgender Zusammenhang verantwortlich. Würde man eine computertomographische Aufnahme des Instrument erstellen, also eine scheibenweise Bildersequenz vom Mundstück bis zum Auslass ansehen, so zeigte jede dieser Scheiben in ihrem Innern den Umriss des Fraßgangs als eine geometrische Figur. Diese Figur hat einen Umfang, und die Veränderung des zahlenmäßigen Umfangwertes entlang des Rohrs (und nicht die spezielle Form der Figur) prägt den gehörten Klang. Für die Tonhöhe des Grundtons ist lediglich die Länge des Didgeridoos im Zusammenspiel mit der jeweils konisch oder zylindrisch verlaufenden Form des Holzstücks maßgebend.

Eine ausführliche Besprechung findet man zum Beispiel bei David Lindner: „Das Didgeridoo-Phänomen: Von der Urzeit zur Moderne.“