Energiehaushalt

Beim Spielen steht dir nur eine bestimmte Menge an Luft zur Verfügung, bevor du einatmen musst. Diese Luft will in Schwingung versetzt und moduliert werden. Atmen, Lippenflattern und Tonmanipulationen sind mit einer gewissen Anstrengung verbunden und brauchen Kraft, von der dir aber ebenfalls nur eine begrenzte Menge zur Verfügung steht. Mit deiner Kraft wirst du also haushalten müssen.

Es ist daher relevant zu wissen, welche Faktoren auf deinen Energieverbrauch Einfluss nehmen und wie sie sich gegenseitig bedingen.

Die wichtigsten 5 Einflussfaktoren sind meines Erachtens nach:

  1. Tonqualität
  2. Technische Präzision
  3. Komplexität der Spielweise
  4. Geschwindigkeit
  5. Lautstärke

Die ersten drei sind Qualitätsmerkmale, die letzten beiden sind Quantitätsmerkmale.

Diese Merkmale kannst du nicht alle gleichzeitig mit maximaler Aufmerksamkeit und Kraft bedienen. Beispielsweise geht eine höhere Lautstärke zulasten der Tonqualität, während ein schnelles und präzises Spiel zulasten der Komplexität geht. Sich solcher Merkmale und ihrer Abhängigkeiten bewusst zu sein, ist für ein ausgeglichenes Spiel essentiell.

Grundton erzeugen

Jedes Didgeridoo hat genau eine Grundfrequenz, in der es schwingt, den sogenannten Grundton. Diese Grundfrequenzen liegen in der Regel zwischen 65 Hz (C) und 92 Hz (G), also zwei Oktaven unter dem Kammerton a mit 440 Hz (siehe hierzu Frequenzen der gleichstufigen Stimmung).

Um einen solchen Grundton zu erzeugen, müssen deine Lippen in exakt der Frequenz schwingen, die der Grundfrequenz deines Didgeridoos entspricht. Dazu lässt du deine Lippen locker flattern. Dabei öffnen und schließen sie sich ganz von alleine und versetzen so die ausgeatmete Luft in Schwingung. Das Problem dabei ist, nur die Lippenmitte im Bereich unter der Nase flattern zu lassen, während die Lippenränder zu den Wangen hin möglichst angespannt bleiben.

Die Wangen liegen dabei eng an den Zähnen an und sind nicht aufgebläht, die beiden Kiefer bzw. die Zähne liegen fast aufeinander. Wichtig ist auch, nicht zu überblasen, also niemals tief einzuatmen und mit vollen Wangen zu pusten! Vielmehr soll ein druckvoller Luftstrom durch die enge Lippenöffnung fließen, sodass dort das Flattern der Lippe optimal angeregt werden kann. Das Verhältnis von Lippenspannung und Atemdruck ist entscheidend für die Stabilität der Luftsäule und damit für die Qualität des Grundtons. Flattern deine Lippen nicht oder zu wenig, hörst du keinen Ton oder nur ein Rauschen; sind sie zu fest angespannt, ergibt sich eher ein quitschiger Ton. Ist dein Druck zu gering, klingt der Ton leise und unter der Grundfrequenz deines Didgeridoos; ist er zu groß, liegt dein Ton über der Grundfrequenz. Das optimale Verhältnis spürst du ganz deutlich dann, wenn die Vibration des Didgeridoos auch dein Gesicht vibrieren lässt.

Den Anpressdruck der Lippen am Mundstück und die Lage der Lippen musst du ebenfalls beachten: Lege das Mundstück des Didgeridoos vollständig am Mund an, so dass es an den Rändern gut abgedichtet ist und hier keine Luft entweichen kann. Die Lippenöffnung kann zunächst möglichst mittig zum Mundstück platziert sein. Für ein optimales Passgefühl kannst du das Mundstück höher oder tiefer ansetzen. Teste einfach, wie es sich für dich am besten anfühlt und du einen soliden Grundton erzeugen kannst.her Merkmale und ihrer Abhängigkeiten bewusst zu sein, ist für ein ausgeglichenes Spiel essentiell.

Obertöne

Jedes Didgeridoo spielt nur auf genau einer spezifischen Tonhöhe, die annähernd unveränderlich ist und eine Entsprechung in der Länge des Instruments findet. Diese spezifische Tonhöhe wird gerne als Grundton bezeichnet.

Häufig hört man dann Leute sagen, dass der Klang des Didgeridoos sich aus diesem Grundton und vielen Obertönen ergibt. Obertöne sind schlichtweg weitere Frequenzen, die zum Grundton dazukommen und die typische Klangfarbe eines Tons ausmachen. Genau genommen ist der Grundton selbst schon mit vielfältigen Obertönen gefärbt, denn ein reiner Grundton ist nur ein Sinuston. Er heißt so, weil er im Spektrometer als Sinuskurve erscheint. Sobald weitere Frequenzen diesen Ton anreichern, interferieren sie miteinander und erzeugen eine komplexere Klangkurve, die wir dann als „typischen Klang“ wahrnehmen. Der typische Didge-Sound ist also schon sehr reich an Obertönen.

Ab jetzt wird es spannend, denn diese Obertöne, also die anreichernden Frequenzen und damit die Klangfarbe, kann ich als Spieler beeinflussen. Deswegen klingt ein Didgeridoo eben nicht wie eine Trompete, auf der man stets denselben Ton spielt. Da lässt sich die Klangfarbe nämlich im Gegensatz zum Didgeridoo nur unmerklich verändern.

Erreicht wird das unter anderem durch die Zunge. Sie formt beim Sprechen insbesondere Vokale, und eben diese haben unterschiedliche Klangfarben, sonst könnte man ein „u“ nicht von einem „i“ unterscheiden. Durch Zungenbewegungen verändere ich also die Klangfarbe meines Didgeridoos. Und idealerweise sind es nicht zufällige oder willkürliche Bewegungen, sondern gezielt angesteuerte Bewegungen und Zungenpositionen, die vor allem den Vokalen entsprechen.

Was du also spielen willst, musst du sprechen oder besser: singen können! Oder andersherum: Was du nicht aussprechen kannst, kannst du auch nicht spielen. Unser gesamter Sprech- und Atemapparat ist damit die wichtigste Komponente bei der Klangbildung.

Huptöne

Mit Hupton ist eine Art Trompetenton gemeint. Du erzeugst ihn durch eine sehr starke Verengung der Lippen. Diese flattern dann nicht mehr so locker wie üblich, sondern sind sehr angespannt und verlangen nach einem hohen Luftdruck beim Ausatmen. Um beides zu bewirken, nimmst du am besten die Zunge zur Hilfe: Sie liegt hinter den Zähnen wie bei „d“ oder „t“ und wird ruckartig zurückgezogen, um den Luftstrom schlagartig freizugeben, etwa wie beim Ausspucken eines Kirschkerns. Es gibt jedoch einige verschiedene Techniken, um Huptöne auf verschiedene Weisen zu erzeugen, die dann auch leicht unterschiedlich klingen. Aber für alle ist die sehr angespannte Lippe grundlegend.

Jedes Didgeridoo hat charakteristische Tonlagen für seine Huptöne. Sie wollen also erst gefunden werden. Meistens gibt es nicht nur einen, sondern eher zwei und auch schon mal bis zu fünf, je nach Bauart des Didgeridoos. Die jeweiligen Frequenzen der Huptöne deines Didgeridoos liegen bisweilen recht weit auseinander, sodass es einige Übung und Anstrengung braucht, die höheren zu erwischen: Denn je höher der Hupton ist, desto mehr Luftdruck und Lippenspannung brauchst du.

Tierlaute

Mit der Stimme können auch Tiere immittiert werden. Recht beliebt ist das Bellen von Hund oder Dingo, das Nachahmen von Vogelrufen, Affenschreien oder was sonst die Natur lauthals belebt. Um einen Tierruf auszustoßen, ziehst du das Zwerchfell ruckartig zusammen und verengst den Kehlkopf. Der Luftstoß kommt also von dort unten und ist kein Auspressen der Luft aus dem Brustkorb. Das wäre nicht schnell und druckvoll genug und würde schlicht ein Überblasen des Grundtons bewirken.

Stimme

An der Tonlage des Didgeridoos und damit an seiner Grundfrequenz können wir so gut wie nichts ändern (wir müssten es dazu kürzer oder länger machen). Die Obertöne jedoch können wir manipulieren, indem wir mit der Zunge Vokale formen, gerade so, wie wenn du „u-o-a-e-i“ flüsterst. Natürlich sind auch „ä-ö-ü“ oder „eu-ai-ei-ui“ oder sonstige Vokalkombinationen möglich und hören sich am Didgeridoo jeweils recht unterschiedlich an.

Wieder anders klingen diese Vokale, wenn du sie nicht flüsterst, sondern unter Einsatz deiner Stimmbänder ganz normal aussprichst. Die Stimmbänder modifizieren die ausgeatmete Luftsäule bereits am Kehlkopf, noch bevor die Zunge ihr Übriges dazutut. Am Didgeridoo nehmen wir dann einen knatternden Ton wahr, der sich deutlich von der geflüsterten Variante unterscheidet.

Die Stimme ist aber noch vielseitiger: Du kannst neben der sog. Bruststimme auch deine Kopfstimme nutzen oder deine Stimme bewusst tiefer klingen lassen. So gibt es auch abseits der Stimmmittellage einiges zu entdecken. Darüberhinaus kannst du auch am Didgeridoo singen oder schreien, und all das lässt sich auch noch in der Lautstärke verändern. Die drei Parameter Stimmlage, Stimmnutzung und Lautstärke bilden also ein komplexes Modifikationsgeflecht, das dein Spiel gravierend und hörbar beeinflusst.

Zirkularatmung / Pull

Das größte Geheimnis des Didgeridoos ist wohl die Frage: „Und wie atme ich ein, ohne dass ich aufhören muss zu spielen?“ Die geheimnisvollste Antworte darauf lautet wohl: „Ganz einfach: Durch die Nase!“

Am Didgeridoo entsteht ein Ton ja nur dann, wenn seine Luftsäule schwingt, und das geht eben zunächst durch Ausatmen der Luft aus den Lungen durch den Mund. Beim Einatmen von Luft durch den Mund in die Lungen kann aber nicht gleichzeitig Luft aus den Lungen herausströmen, denn die Luftröhre ist immer nur in eine Richtung nutzbar. Auch beim Einatmen durch die Nase kannst du also nicht gleichzeitig über die Lungen ausatmen. Die einzige Möglichkeit, in genau der Zeit, in der du durch die Nase einatmest, einen Luftstrom in das Didgeridoo abzugeben, ist – Achtung: Geheimnis wird gelüftet! – die im Mundraum verbliebene Luft auszupressen, ganz so, als hättest du Wasser im Mund und entließest es in einem dünnen Strahl durch die angespitzten Lippen ins Freie – bloß nicht schlucken, und um das zu verhindern, verschließt die Zunge am Gaumensegel den Mundraum und trennt ihn damit vom Rachenraum ab, genau wie es passiert, wenn du den Laut „ng“ wie in „Engel“ oder „Gong“ sprichst. Dennoch müssen beim Auspressen der Luft aus dem Mundraum die Lippen weiterhin locker flattern, denn nur dabei bleibt der Ton erhalten (und da helfen Wasserübungen oder die viel zitierte Strohhalmmethode überhaupt nicht weiter). Das alles zu koordinieren, erfordert viel Übung und braucht vermutlich einen Lehrer, der sehen und korrigieren kann, was du gerade tust oder nicht tust.

Mit diesem Wissen können wir einen Kreislauf im Luftstrom beschreiben, den wir Zirkularatmung nennen:

  1. Luft aus den Lungen durch den Mund bei engen Wangen ausatmen
  2. Beim Ausatmen Luft im Mundraum sammeln (zum Beispiel durch Aufblähen der Wangen wie beim Kerzen Auspusten oder Herunterklappen des Kiefers wie beim „a“ oder durch Zurückziehen der Zunge wie beim Wort „Puh“)
  3. Luft aus dem Mundraum auspressen (zum Beispiel durch Zusammenziehen der Wangen oder Heraufziehen des Kiefers oder Drücken der Zunge nach vorne zu den Zähnen) und DABEI GLEICHZEITIG Luft durch die Nase einziehen
  4. Wieder Luft durch den Mund ausatmen (also wieder Schritt 1.)

In Schritt 2 gelangt je nach Ausprägung der Wangen-, Kiefer- und Zungenbewegung unterschiedlich viel Luft in deinen Mundraum: das Aufblähen der Wangen gibt dir mehr Luft als das Herunterziehen des Kiefers in einer Kaubewegung als das Zurückziehen der Zunge. Je nach Spielweise und Rhythmik steht jede dieser drei Bewegungen mehr oder weniger im Vordergrund: Denn je mehr Luft du im Mundraum hast, desto länger kannst du sie auspressen und desto mehr Zeit und Ruhe hast du, währenddessen Luft durch die Nase einzuatmen.

Dieses Einatmen durch die Nase nennt man bisweilen auch deswegen „aktive Atmung“ (im Englischen besser: pull breath), weil der Brustkorb bzw. das Zwerchfell hier aus eigener Kraftanstregnung geweitet werden müssen und die Luft aktiv durch Muskelanstrengung eingesaugt wird.

Eine andere Art der Atmung ist der sogenannte push breath. Dabei wird der Mundraum durch einen kräftigen Stoß des Zwerchfells mit Luft gefüllt und dabei die Wangen geweitet, und gleichzeitig wird das Zwerchfell nach oben gepresst, wodurch die Luft sofort wie von selbst wieder aus dem Mund entweichen und das Zwerchfell sich nach unten entspannen will und dabei wie von selbst Luft einsaugt. Der Atemzyklus wird hier sehr kurz und schnell ausgeführt.

Zirkularatmung / Push

Eine weitere Ausprägung der Zirkularatmung ist die sogenannte „passive Atmung“. Dieser Begriff suggeriert etwas, das so nicht ganz richtig ist: nämlich, dass du hier gar nichts tun müsstest. Im Gegenteil: Die Luft in deinen Lungen wird mit einem sehr aktiven(!) und kräftigen Stoß (push) des Zwerchfells durch den Mund ausgeatmet. Stelle es dir vielleicht so vor, als müsstest du die Kerzen auf einem Geburtstagskuchen alle auf einmal und aus 2 Meter Entfernung auspusten. Dabei füllt sich automatisch dein Mundraum mit Luft, deine Wangen werden geweitet, wenngleich auch deutlich weniger als bei einer ausgeprägten Wangen- oder Kieferbewegung, wie beim pull breath beschrieben.

Nach diesem push oder bounce breath, der eine aktive Anstrengung erfordert, wollen die aufgeblähten Wangen wie auch das kontrahierte Zwerchfell – und hier kommt der passive Gedanke ins Spiel – sich wieder entspannen und in ihre Ausgangslage zurückkommen. Dies ist der Moment, in dem die Luft wie von selbst durch die Nase in die Lungen strömen kann: Beim Entspannen des Zwerchfells wird sie ganz von alleine eingesogen (daher der Name „passive Atmung“). In genau diesem, wenn auch nur sehr kurzen Moment, presst du die verbliebene Luft aus dem Mundraum, und auch hierbei musst du die Lippen natürlich am Flattern halten.

Übung für Pull & Push

Zwei gute Übungen, um verschiedene Atemtechniken zu erlernen, sind „ta-ka-wa-ka“ für den pull breath und „ta-ka-tung-wi“ für den push breath:

  1. ta-ka-wa-ka: Zwei Sprechsilben „ta“ (variabler Vokal) und „ka“, wobei „ka“ eine Kieferbewegung nach unten verlangt, „wa“ als der Moment, in dem du die Luft durch eine Kieferbewegung nach oben aus dem Mund auspresst und dabei GLEICHZEITIG durch die Nase einatmest, und „ka“ ist wieder eine normale Sprechsilbe. Zusammen klingt das wie das Geräusch einer alten Dampflock.
  2. ta-ka-tung-wi: Zwei Sprechsilben „ta“ und „ka“ (variable Vokale), dann die Stoßsilbe „tung“ – hierbei erfolgt der push wie bei einem Trommelschlag auf dem „tu“ und das Zurückziehen von Wange und Zwerchfell auf dem „ng“, wobei dann die Luft aus dem Mund ausströmt und GLEICHZEITIG neue Luft durch die Nase einströmen kann, und „wi“ ist dann wieder eine Sprechsilbe mit Ausatmen. Ein besonders netter Effekt in dieser Übung entsteht, wenn du „ta-ka“ ohne Stimme und „wi“ mit tiefer Stimme spielst.

Beide Übungen lassen sich zu „taka-waka-tung-wi“ vereinen und schnell spielen, was dann wie eine Dampflock in voller Fahrt klingt.