Spielweisen, analytisch betrachtet

Auf dieser Seite werden die Namen von verstorbenen indigenen Spielern genannt. In der Kultur der Aborigines ist das nicht zulässig; dort werden Namen durch das Ersetzen von Buchstaben mit einem „*“-chen verschleiert. Ich respektiere dies und bitte jeden, der an der Nennung der Namen Anstoß nimmt, nicht weiterzulesen.

Jedes Didgeridoo-Spiel und jeder Stil wird, so meine ich, durch folgende Aspekte ausgeprägt:

  1. Das Instrument: Jedes von Termiten ausgehöhlte Holzstück erhält seine eigene Klangcharakterisitik durch den Fraßgang. Letztlich ist der entlang des Instrumenteninnern durch den Fraß sich verändernde Innendurchmesser dafür verantwortlich, wie ein Instrument klingt (sehr schön nachzulesen in David Lindner: „Das Didgeridoo Phänomen“, Traumzeit-Verlag). Wie es sich anspielen lässt, hängt dann von der äußeren Geometrie (konisch vs. zylindrisch) und dem Verhältnis von Länge und Innendurchmesser ab. Und auch die Wandstärke, die dann der Didgeridoo-Bauer bestimmt, prägt das Instrument mit.
  2. Die Zungentechnik: Das vor allem durch Zungenpositionen, Zungenwege und Druckverhältnisse im Mund und Instrument bestimmte Spielverhalten bestimmen die damit einhergehende Klangausprägung.
  3. Die verwendeten Klangsilben und die gesprochene Sprache: Von dhid-dha über dithu-dhirl, wit-du und wei-ja bis dä-dr und vieles mehr, worüber die Akzentuierung von Rhythmen und Klangbild gesteuert wird. Die vom Spieler gesprochene Sprache ist hier ein wesentlicher Einflussfaktor auf die Beherrschung von Zungenwegen, also Stationen, die die Zunge während eines Atemzyklus einnimmt.
  4. Die Rhythmusmuster: Diejenigen wiederkehrenden Abfolgen von Klangsilben, die zusammen mit wechselnden oder unregelmäßigen Taktpunktabständen letztlich das ausmachen, was wir den „typischen Groove“ nennen.

Häufig hört man die Unterscheidung zwischen traditionellem und modernem Spiel. Ich finde eine andere Unterteilung sinnvoller: nämlich das Aborigines-Spiel gegen das westliche geprägte Spiel abzugrenzen. Das Spiel der Aborigines ist, ebenso wie das westlich geprägte, in traditionell bzw. Old School und modern unterteilbar, und dennoch unterscheiden sich indigenes und westliches Spiel auch bei den besten „West-Meistern“ meiner Ansicht nacht stark voneinander. Daher biete ich folgende ontologische Aufstellung an:

  1. Indigenes Spiel
    • Das Old School-Spiel der Aborigines in Nordaustralien (siehe insb. Yidakistory.com). Es wurde und wird insbesondere in zeremoniellen Zusammenhängen verwendet und ist je Clan oder Region verschieden: Wangga grenzt sich von Kun-borrk und beides wiederum vom Bunggul-Stil ab. Man hört hier zum Beispiel
      • David Blanasi,
      • Wali Wunungmurra,
      • Djalu Gurruwiwi (siehe zum Beispiel den Meisterkurs von Djalu),
      • Darryl Digarrnga, ein Enkel von David Blanasi. Er nennt seine Spielwise Mimih-Style und erinnert damit an seinen Großvater.
    • Das schnelle Old School-Spiel. Es zeichnet sich durch eine deutliche schnellere Spielweise und damit einhergehende andere Akzentuierungen der Klangsilben aus und zählt viele Varianten, die man meistens an den Aborigines-Spielern festgemachen kann. Moderne Aborigines-Spieler benutzen die Techniken, Klangsilben und die grundlegenden Rhythmusmuster der Old School-Spieler, verändern sie aber in Betonung, Rhythmik, Silbenlänge, Anordung und Geschwindigkeit. Man hört hier in Arnhem Land zum Beispiel
      • Larry Gurruwiwi, ein Sohn von Djalu, im Yolngu-Stil, oder auch
      • Quincey Matjaki Wunungmurra und Elijah Atu, die im Wunungmurra-Stil spielen.
      • Der Groote Eylandt-Stil von Jason Guwarnbal, der später von Djalu Gurruwiwi aufgegriffen wurde.
    • Das westlich beeinflusste Spiel der Aborigines. Bei modern oder westlich geprägten Aborigines Spieler rücken uns gut im Ohr liegende Rhythmen und Laute in der Vordergrund des Spiels, die traditionellen Techniken werden durchgängig verwendet, stehen aber eher im Hintergrund des Geschehens: Es werden Stilelemente des westlichen Spiels aufgegriffen und mit tradtionellen Techniken so interpretiert, wie ein Aborigines Spieler „westlich“ versteht. Hier ist ein wesentlicher Unterschied zum westlichen Stil nicht-indigener Spieler zu sehen: Wir spielen westlich und bauen tradtionelle Techniken darin ein, interpretieren also diese Spielweise aus unserer westlichen Sicht.
  2. Das moderne, westlich-geprägte Spiel. Also das, was wir nicht-Aborigines spielen (auch als Balanda-Stil bezeichnet). Dazu zähle ich
    • das Nachspielen der indigenen Spielweisen mit traditionellen Techniken, Klangsilben und unregelmäßigen Rhythmusmustern,
    • das Verwenden der traditionellen Techniken und Klangsilben und einer Ausprägung der Rhythmik, die auf einer westlich geprägten Gleichtaktung ruht,
    • das meditative Spiel, das mehr oder weniger viel Stimme und Laute einsetzt und auf langgezogenen Obertönen „dahinschwingt“,
    • das poppige, rockige oder auch techno-artige Spiel, Bass-betont und unser Schlagzeug aufgreifend in regelmäßiger (4/4-)Taktausprägung,
    • die „Independent“-Stile einzelner Profis, wie zum Beispiel von Ondrej Smeykal oder Dubravko Lapaine, und letztlich
    • das Beatboxing, das zum einen das Didgeridoo als Verstärker nutzt und zum anderen typische Klangfarben des Didges in das Beatboxing mit einbaut.

Natürlich gibt es Mischformen und viele Varianten, die ich nicht alle aufzählen kann. Ebenso gibt es sicherlich ganz andere Aufstellungen und Stilbetrachtungen als die meine. Hier freue ich mich über zahlreiche konstruktive Beiträge. Vor allem aber zählt am Meisten: Das Gefühl, der Bauch, das sich selbst Zuhören und die Lust am Spiel.

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