Spielen ist Singen

Das Didgeridoo macht nichts, außer das zu modifizieren, was du selbst hineingibst: eine schwingende Luftsäule. Sie verlässt an den Lippen deinen Körper. Bis zu diesem Moment bist du in der Lage, diese Luftsäule selbst zu manipulieren. Was du also spielen willst, musst du sprechen oder besser: singen können! Denn unser gesamter Sprech- und Atemapparat ist die wichtigste Komponente bei der Klangbildung.

Grundton erzeugen

Jedes Didgeridoo hat genau eine Grundfrequenz, in der es schwingt, den sogenannten Grundton. Diese Grundfrequenzen liegen in der Regel zwischen 65 Hz (C) und 92 Hz (G), also zwei Oktaven unter dem Kammerton a mit 440 Hz (siehe hierzu Frequenzen der gleichstufigen Stimmung).

Um einen solchen Grundton zu erzeugen, müssen deine Lippen in exakt der Frequenz schwingen, die der Grundfrequenz deines Didgeridoos entspricht. Dazu lässt du deine Lippen locker flattern. Dabei öffnen und schließen sich sich ganz von alleine und versetzen so die ausgeatmete Luft in Schwingung. Das Problem dabei ist, nur die Lippenmitte im Bereich unter der Nase flattern zu lassen, während die Lippenränder zu den Wangen hin möglichst angespannt bleiben.

Die Wangen liegen dabei eng an den Zähnen an und sind nicht aufgebläht, die beiden Kiefer bzw. die Zähne liegen fast aufeinander. Wichtig ist auch, nicht zu überblasen, also niemals tief einzuatmen und mit vollen Wangen zu pusten! Vielmehr soll ein druckvoller Luftstrom durch die enge Lippenöffnung fließen, sodass dort das Flattern der Lippe optimal angeregt werden kann. Das Verhältnis von Lippenspannung und Atemdruck ist entscheidend für die Stabilität der Luftsäule und damit für die Qualität des Grundtons. Flattern deine Lippen nicht oder zu wenig, hörst du keinen Ton oder nur ein Rauschen; sind sie zu fest angespannt, ergibt sich eher ein quitschiger Ton. Ist dein Druck zu gering, klingt der Ton leise und unter der Grundfrequenz deines Didgeridoos; ist er zu groß, liegt dein Ton über der Grundfrequenz. Das optimale Verhältnis spürst du ganz deutlich dann, wenn die Vibration des Didgeridoos auch dein Gesicht vibrieren lässt.

Den Anpressdruck der Lippen am Mundstück und die Lage der Lippen musst du ebenfalls beachten: Lege das Mundstück des Didgeridoos vollständig am Mund an, so dass es an den Rändern gut abgedichtet ist und hier keine Luft entweichen kann. Die Lippenöffnung kann zunächst möglichst mittig zum Mundstück platziert sein. Für ein optimales Passgefühl kannst du das Mundstück höher oder tiefer ansetzen. Teste einfach, wie es sich für dich am besten anfühlt und du einen soliden Grundton erzeugen kannst.

Obertöne und Stimme

Häufig hört man, dass der Klang des Didgeridoos sich aus einem Grundton und vielen Obertönen ergibt. Genau genommen, ist sein Grundton selbst schon mit vielfältigen Obertönen gefärbt, die ja gerade die Klangcharakteristik des Didges ausmachen. Ein reiner Grundton wäre nur ein Sinuston. Er heißt so, weil er im Spektrometer als Sinuskurve erscheint. Sobald weitere Frequenzen diesen Ton anreichern, interferieren sie miteinander und erzeugen eine komplexere Klangkurve, die wir dann als „typisch“ für etwas wahrnehmen. Der typische Didge-Sound ist also schon sehr reich an Obertönen.

An der Tonlage des Didgeridoos und damit an seiner Grundfrequenz können wir so gut wie nichts ändern (wir müssten es dazu kürzer oder länger machen). Die Obertöne jedoch können wir manipulieren, indem wir mit der Zunge Vokale formen, gerade so, wie wenn du „u-o-a-e-i“ flüsterst. Natürlich sind auch „ä-ö-ü“ oder „eu-ai-ei-ui“ oder sonstige Vokalkombinationen möglich und hören sich am Didgeridoo jeweils recht unterschiedlich an.

Wieder anders klingen diese Vokale, wenn du sie nicht flüsterst, sondern unter Einsatz deiner Stimmbänder ganz normal aussprichst. Die Stimmbänder modifizieren die ausgeatmete Luftsäule bereits am Kehlkopf, noch bevor die Zunge ihr Übriges dazutut. Am Didgeridoo nehmen wir dann einen knatternden Ton wahr, der sich deutlich von der geflüsterten Variante unterscheidet.

Tierlaute und Huptöne

Mit der Stimme können auch Tiere immittiert werden. Recht beliebt ist das Bellen von Hund oder Dingo, das Nachahmen von Vogelrufen, Affenschreien oder was sonst die Natur lauthals belebt. Um einen Tierruf auszustoßen, ziehst du das Zwerchfell ruckartig zusammen und verengst den Kehlkopf. Der Luftstoß kommt also von dort unten und ist kein Auspressen der Luft aus dem Brustkorb. Das wäre nicht schnell und druckvoll genug und würde schlicht ein Überblasen des Grundtons bewirken.

Mit Hupton ist eine Art Trompetenton gemeint. Du erzeugst ihn durch eine Verengung der Lippen. Diese flattern dann nicht mehr so locker wie üblich, sondern sind sehr angespannt und verlangen nach einem hohen Luftdruck beim Ausatmen. Um beides zu bewirken, nimmst du am besten die Zunge zur Hilfe: Sie liegt hinter den Zähnen wie bei „d“ oder „t“ und wird ruckartig zurückgezogen, um den Luftstrom schlagartig freizugeben. Es gibt verschiedene Techniken, um Huptöne auf verschiedene Weisen zu erzeugen, die dann auch leicht unterschiedlich klingen.

Jedes Didgeridoo hat charakteristische Tonlagen für seine Huptöne. Sie wollen also erst gefunden werden. Meistens gibt es nicht nur einen, sondern eher zwei und bis zu fünf, je nach Bauart des Didgeridoos. Die jeweiligen Frequenzen der Huptöne deines Didgeridoos liegen bisweilen recht weit auseinander, sodass es einige Übung und Anstrengung braucht, die höheren zu erwischen.

Zirkularatmung

Das größte Geheimnis des Didgeridoos ist wohl die Frage: „Und wie atme ich, ohne dass ich aufhören muss zu spielen?“ Die geheimnisvollste Antworte darauf lautet wohl: „Ganz einfach: Durch die Nase!“

Am Didgeridoo entsteht ein Ton ja nur dann, wenn seine Luftsäule schwingt, und das geht eben zunächst durch Ausatmen der Luft aus den Lungen durch den Mund. Beim Einatmen von Luft durch den Mund in die Lungen kann aber nicht gleichzeitig Luft aus den Lungen heraus strömen, denn die Luftröhre ist immer nur in eine Richtung nutzbar. Auch beim Einatmen durch die Nase kannst du also nicht gleichzeitig über die Lungen ausatmen. Die einzige Möglichkeit, in genau der Zeit, in der du durch die Nase einatmest, einen Luftstrom in das Didgeridoo abzugeben, ist – Achtung: Geheimnis wird gelüftet! – die im Mundraum verbliebene Luft auszupressen, ganz so, als hättest du Wasser im Mund und entließest es in einem dünnen Strahl durch die angespitzten Lippen ins Freie – bloß nicht schlucken, und um das zu verhindern, verschließt die Zunge am Gaumensegel den Mundraum und trennt ihn damit vom Rachenraum ab, genau wie es passiert, wenn du den Laut „ng“ sprichst. Dennoch müssen beim Auspressen der Luft aus dem Mundraum die Lippen weiterhin locker flattern. Das alles zu koordinieren, erfordert viel Übung.

Damit können wir einen Kreislauf im Luftstrom beschreiben, den wir Zirkularatmung nennen:

  1. Luft aus den Lungen durch den Mund bei engen Wangen ausatmen
  2. Beim Ausatmen Luft im Mundraum sammeln (zum Beispiel durch Aufblähen der Wangen oder Herunterklappen des Kiefers wie beim „a“)
  3. Luft aus dem Mundraum auspressen (zum Beispiel durch Zusammenziehen der Wangen oder Heraufziehen des Kiefers) und DABEI GLEICHZEITIG Luft durch die Nase einziehen
  4. Wieder Luft durch den Mund ausatmen (wie 1.)

Als Bild zeigt sich der Kreislauf in etwa so (von links nach rechts zyklisch gelesen, übereinander stehende Dinge passieren gleichzeitig):

Bei dieser Ausprägung der Zirkularatmnung gelangt unterschiedlich viel Luft in den Mundraum: das Aufblähen der Wangen gibt dir mehr Luft als das Herunterdrücken des Kiefers in einer Kaubewegung. Je mehr Luft du im Mundraum hast, desto länger kannst du sie auspressen und desto mehr Zeit und Ruhe hast du, währenddessen Luft durch die Nase einzuatmen. Dieses Auspressen und Einatmen nennt man bisweilen auch „aktive Atmung“ (im Englischen besser: pull breath), weil der Brustkorb bzw. das Zwerchfell hier aus eigener Kraftanstregnung geweitet werden müssen. Eine andere Ausprägung ist der sogenannte push breath. Dort strömt immer gleichviel Luft in den Mund.

Push-Zirkularatmung

Eine weitere Ausprägung der Zirkularatmung ist die sogenannte „passive Atmung“. Dieser Begriff suggeriert etwas, das so nicht ganz richtig ist: nämlich, dass ich hier gar nichts tun müsse. Im Gegensatz zum pull breath erfolgt hier jedoch ein push oder bounce breath: Beim Ausatmen wird Luft im ersten Schritt mit einem (sehr aktiven) kräftigen Stoß durch den Mund ausgeatmet. Dabei füllt sich automatisch dein Mundraum mit Luft, deine Wangen werden geweitet, wenngleich auch deutlich weniger als bei einer ausgeprägten Wangen- oder Kieferbewegung, wie beim pull breath beschrieben. Nach diesem push, der eine aktive Anstrengung erfordert, wollen die sich aufgeblähten Wangen von alleine (hier kommt der passive Gedanke ins Spiel) in ihre engere Position zurückspringen. Das ist ein wenn auch nur sehr kurzer Moment des Ausströmens von Luft aus dem Mundraum, in dem du die Lippen weiter am Flattern halten sollst. Durch den push hast du zudem das Zwerchfell nach oben in Richtung Lunge gedrückt, und auch das möchte wieder von allein in seine ursprüngliche Ruhelage weiter unten zurück. Das ist der Moment, die Luft wie von selbst durch die Nase in die Lungen strömen zu lassen: Die Zwerchfellbewegung zieht sie ein.

Übung für Pull & Push

Zwei gute Übungen, um verschiedene Atemtechniken zu erlernen, sind „ta-ka-wa-ka“ für den pull breath und „ta-ta-tum-wi“ für den push breath:

  1. ta-ka wa-ka: Zwei Sprechsilben „ta“ (variabler Vokal) und „ka“, wobei „ka“ eine Kieferbewegung nach unten verlangt, „wa“ als der Moment, in dem du die Luft durch eine Kieferbewegung nach oben aus dem Mund auspresst und dabei GLEICHZEITIG durch die Nase einatmest, und „ka“ ist wieder eine normale Sprechsilbe. Zusammen klingt das wie das Geräusch einer alten Dampflock.
  2. ta-ta-tum-wi: Zwei Sprechsilben „ta“ und „ta“ (variable Vokale), dann die Stoßsilbe „tum“ – hierbei erfolgt der push wie bei einem Trommelschlag auf dem „tu“ und das Zurückziehen von Wange und Zwerchfell auf dem „m“, wobei dann die Luft aus dem Mund ausströmt und GLEICHZEITIG neue Luft durch die Nase einströmen kann, und „wi“ ist dann wieder eine Sprechsilbe mit Ausatmen. Das „m“ im „tum“ mag etwas verwirren, denn es würde als gesprochener Konsonant geschlossene und nicht flatternde Lippen verlangen. Gedacht ist hier der Nasallaut, der beim Sprechen von „ng“ entsteht. Ein besonders netter Effekt in dieser Übung entsteht, wenn du „tata“ ohne Stimme und „wi“ mit tiefer Stimme spielst.

Beide Übungen lassen sich zu „taka-waka-tum-wi“ vereinen und schnell spielen, was dann wie eine Dampflock in voller Fahrt klingt.